Neuroplastiker bei der Arbeit

Some random viewers break out in cold sweat.Der Begriff der Neuroplastizität ist ziemlich assoziationsstark. Kaum fällt das Wörtlein, bricht sogleich ein Hirnsturm aus, der seinen Psycho-Fallout bis ins hinterste Eckchen der Orgon-Kiste weht. Hohe Zeit, vom gefühlig Geglaubten zum Beobachtbaren zu kommen.

Besser wär’s, frau nähert sich der Sache zunächst wikipediatrisch: Unter neuronaler Plastizität versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abhängigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu verändern …

Ach so, “… in Abhängigkeit von der Verwendung“, da liegt der Schweinehund begraben: ein Use-it-or-loose-it und mehr nicht. Das Gehirn ist formbarer als gedacht, wer hätte das gedacht? Ich hab’s mir gedacht und nicht erst gestern und schon gar nicht ich alleine.

Im Alltag bedarf die realexistierende Neuroplastizität erst mal keiner bewussten Kompetenz. Sie ist die neurophysiologische Materialisierung aller Arten von Lernvorgängen – egal ob kognitiv, intellektuell, motorisch, emotional oder was auch immer. Findet sie nicht mehr statt, handelt es sich vermutlich um ein Neuroplastinat.

Bevor ein neurologischer Defekt überhaupt klinisch auffällig wird, hat das flexible Hirn bereits einen Großteil seiner plastischen Möglichkeiten genutzt. Es kann sich dabei allerdings auch und ebenso unbewusst, nämlich durch Vermeidungsverhalten, in seinen Möglichkeiten beschränken und schließlich sogar fehlmodellieren.

Hier setzen alle Arten Lerntraining, Physio- und Ergotherapien und sogar Meditationstechniken an. Erweiterung der Möglichkeiten durch bewusstes Lernen. Die Wahl der Methode ist dabei nur eine Geschmacksfrage. Gerne wählen spirituell obdachlose Gemüter dazu diverse Ostasiatika, nicht zuletzt um zusätzlich ihr persönliches Placebo-Potential zu aktivieren. Na egal, Hauptsache es wirkt.

SkeptikerInnen begeistern sich allerdings mehr fürs puristisch Neurowissenschaftliche. Und mein Placebo-Potential spricht generell besser auf Julien Offray de La Mettrie (der persönlich bevorzugte Leibfarzt) als auf den Dalai Lama an.

Derzeit ist die Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) ein schönes Beispiel bewusster Neuroplastik. CIMT beruht auf der vom Psychologen Edward Taub entwickelten Idee, den Gebrauch gelähmter Gliedmaßen nach einem Schlaganfall gewissermaßen zu erzwingen. Dazu wird die gesunde Extremität in eine Schlinge gelegt oder mit einem Handschuh versehen. Ziel ist es, die motorischen Fähigkeiten auf der erkrankten Seite zu verbessern. Bei konsequenter Durchführung sollen die Effekte auch nach Jahren der neuronalen Ignoranz sehr eindrücklich sein.

Die Erfolge der Therapie bewirken nachweisbare Veränderungen im Gehirn. Die elektrische Aktivität in den betreffenden Arealen steigert sich, ebenso die Durchblutung. An der Universität Jena konnte im MRT von 13 solcherart behandelter Patienten sogar eine Verdichtung des Nervengewebes nachgewiesen werden.

Selbstverständlich hat die Neuroplastizität auch Grenzen. Wenn nur genug Nervengewebe an strategischer Stelle – etwa an der Pyramiden[bahn]kreuzung zu Hals- und Rückenmark -beschädigt ist, fehlt irgendwann der Spielraum fürs Kreative. Bei der Multiplen Sklerose wird sich dem entsprechend eine schwere spinale Symptomatik als nur begrenzt therapierbar erweisen müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass die permanent stattfindenden degenerativen Voränge jeden temporären Erfog wieder gefährden.

Wo diese Grenze jeweils liegt, kann nur die Praxis zeigen. Da dürft ihr Erfolge zwar nicht dogmatisch ausschließen, das Patientengut sollte andererseits nicht zu viel Aufwand in frustrierende Fehlversuche investieren. Ressourcen-Management ist gefragt. Warum sonst habe ich dieses Textchen nicht in Skihandschuhen geschrieben?

[Bildnachweis: SHIFZ:Syntharturalistic Art Association]

 

Alexander Otto
… zurück in die myelounge »

Disclaimer

Tags: Gehirn, Multiple Sklerose, Myelounge, Neuroplastizität

Kommentar schreiben

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre E-Mail-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von mir im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden.