Das Märchen von der Vollbeschäftigung

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mir ein paar Gedanken zur Zukunft der Erwerbsarbeit gemacht. Das nun behauptete Jobwunder scheint diese Überlegungen obsolet zu machen. Die Betonung liegt auf “scheint”, tatsächlich haben sich die Fakten kaum verändert.

Jetzt haben wir ihn, den Aufschwung. Der findet zwar weder im Gefühlsleben der Deutschen so richtig statt – geschweige denn in deren Portemonai – dafür aber in den missverständlichen Statistiken der BA. Auch wenn die Mainstream-Medien das Mantra von der Vollbeschäftigung gebetsmühlenhaft wiederholen, die Realität schert das nicht. Zunächst also ein etwas anderer Blick auf die so fulminant gesunkenen Arbeitslosenzahlen vom September 2007, zu finden bei Indymedia: Arbeitslosenstatistik Nov. 2007 und ausgerechnet im Manager-Magazin: Arbeitslosenzahlen?

Soviel zur aktuellen Arbeitsmarktsituation, die marginalen Verschlimmbesserungen sind höchsten ein kurzfristiger Konjunktureffekt, aber keines Falls ein Indiz für die Realisier- barkeit dauerhafter Vollbeschäftigung.

Durch den technologische Fortschritt wird die Bedeutung des Produktionsfaktors Arbeit auch in Zukunft weiter an Bedeutung verlieren müssen. Das Ziel „Vollbeschäftigung“ bleibt daher eine absurde Illusion und genauso falsch sind die Pseudotheorien zu den Ursachen der existierenden Erwerbsarbeitslosigkeit. Völlig ungeprüft sind bloße Behauptungen zur Grundlage der Diskussion über die Zukunft der Erwerbsgesellschaft gemacht worden. Ein Diskurs, der auf der Annahme womöglich unzutreffender Sachverhalte geführt wird, kann  aber schwerlich zu „realitätsfesten“ Ergebnissen führen.

Zum Verlust industrieller Arbeitsplätze wird unablässig behauptete, wir verlören in Deutschland Jobs weil die bösen Unternehmer Stellen ins Ausland verlagern. Tatsache aber ist, diese Abwanderung ist gering. Sie macht nach Schätzung des US-Ökonomen Jeremy Rifkin unter 1 Prozent der abgebauten Stellen aus. Bezeichnenderweise gibt es keine, auch nur einigermaßen verlässlichen Zahlen über solche Ab- und Rückwanderungen.

Vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag war im Januar 2004 zu erfahren, man schätze, es gebe jährlich 50.000 Arbeitsplatzerlagerungen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit macht gar keine Angaben dazu. Im Jahr 2005 existierten nach Angaben des selben Ministeriums 26,2 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Wäre die offenbar willkürlich genannte Zahl von 50.000 abgewanderten Arbeitsplätzen p.a. auch 2005 zutreffend, handelt es sich um unglaubliche 0,19 Prozent der Arbeitsplätze. Gemessen am Raum den das Phänomen in der öffentlichen Wahrnehmung beansprucht, ein erstaunlicher Prozentsatz (Grafik: Sozialversicherungs- pflichtige Beschäftigungsverhältnisse 2001-2005). Auch das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe macht zwar Studien und Befragungen zur Abwanderung, aber über die Gesamtzahl von Ab- und Rückwanderungen erhebt es keine Daten.

Warum existiert kein aussagekräftiges Datenmaterial über das Problem – womöglich weil es kein Problem gibt? Der wirkliche Jobkiller ist eben der technologische Fortschritt. Wirtschaftswissenschaftler aller Couleur schätzen, dass zur Kompensation der Produktivitätssteigerung notwendige jährliche Wirtschaftswachstum auf über 2 Prozent des BIP. Wie lange können die Industriegesellschaften dieses Tempo durchhalten und was müsste dazu produziert und konsumiert werden? Die Chinesen und Inder werden angeblich unsere Waren kaufen, so die allgemeine Behauptung. Die von den Asiaten vorrangig importierten Güter sind allerdings Investitionsgüter. In kurzer Zeit haben sie sich mit genau diesen Importen von uns unabhängig gemacht. Schon jetzt exportieren diese Nationen mehr Konsumgüter als sie einführen. Zudem können wir sicher sein, die asiatischen Zukunftsmärkte werden naturgemäß von Asiaten beliefert werden. In einigen Jahrzehnten müssen deren Volkswirtschaften dann mit den gleichen Problemen kämpfen, wie wir es heute tun. Maschinenarbeit wird auch in Asien bald preiswerter sein als die menschliche Arbeitskraft. Da fängt es schon an; Zürich (ots):
China vor historischen Arbeitsmarktreformen – Wandel hin zu internationalen Standards und besserem Arbeitnehmerschutz

Der Ersatz von menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen ist kein wirklich neues Phänomen. Erst als im 19. Jahrhundert der Betrieb von Dampfmaschinen billiger wurde als die Sklavenhaltung, verschwand diese jahrtausendealte Unsitte allmählich von unserem Planeten. Es ist eine liebgewonnene Illusion, dass ein ethischer Fortschritt die Sklaverei beendet hätte. Weder griechische Philosophen, noch die Aufklärung und erst recht nicht die christlichen Moralapostel waren dazu im Stande. Die Befreiung aus der Leibeigenschaft kam erst mit einem Quantensprung in der Technologie – der industriellen Revolution. Einen solchen Entwicklungsschub erleben wir nun erneut. Der Markt wird in naher Zukunft zum allergrößten Teil ohne menschliche Arbeitskraft funktionieren. Der US-Ökonom Jeremy Rifkin schätzt, dass bis 2010 nur noch zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Fabriken gebraucht wird. Bis 2020 sollen es weltweit nur noch zwei Prozent sein.

Scheinbar ist es trotzdem viel einfacher die Polen und Chinesen zu Buhmännern zu erklären, als eine Diskussion über die realen Hintergründe der Arbeitslosigkeit zu beginnen. Wir können immer mehr Güter und Dienstleistungen mit immer weniger menschlichem Zeitaufwand erzeugen. Für jeden Betriebswirt ist das eine positive Entwicklung, warum nicht auch für die modernen Volkswirtschaften und schließlich die Weltwirtschaft?

Es ist notwendig, Modelle jenseits der Massenarbeit zu suchen. Noch haben wir Zeit und Ressourcen, um einen sanften Paradigmenwechsel einzuleiten. Ohne neue Konzepte wird die Welt in absehbarer Zeit ein noch hässlicher Ort. Schon jetzt herrscht das Recht des Stärkeren. Die 356 reichsten Familien der Welt besitzen bereits 40 Prozent des Weltvermögens und eine weitere Konzentration des Kapitals ist systemimmanent. Ob so ein globalisierter Neofeudalismus einen zivilisatorischen Fortschritt für die restlichen 6,5 Milliarden Erdenbewohner bedeutet?

4 Gedanken zu „Das Märchen von der Vollbeschäftigung

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