Bräsigkeit siegt: Kurt Beck auf dem Weg ins Kanzleramt?

© Andreas Reiner; CC Attribution-Share Alike 2.0 GermanyOb als unrasierteste Weinkönigin aller Zeiten oder sprechende Hecke tituliert, dem Pfälzer ist das wurscht. Das lustige Beck-Bashing ist bloß ein Symptom von Hilflosigkeit. Was gibt’s denn Besseres als unterschätzt zu werden? Helmut Kohl hat es vorgemacht. Den nahm auch niemand ernst und plumps saß er im Kanzleramt. Wir haben dann 16 Jahre Tränen lachen dürfen.

Bei Kurt Beck könnte es ähnlich laufen. Die Grundlagen zu seinem Erfolg legt er unspektakulär. Er bleibt zur großen Koalition auf Distanz. Was könnte er da auch gewinnen? Ganz im Gegenteil, die forschen Genossen Steinbrück und -meier sollen sich ruhig als Agenda 2010-Vollstrecker abnutzen. Sie sind das Altpersonal einer jetzt obsoleten Politik. Als kompetente Fachpolitiker werden sie weiter Verwendung finden. Für die nächste Wahl sind sie allerdings durch ihre Kollaboration mit Frau Merkel derart diskreditiert, dass sie keines Falls als Kanzlerkandidaten taugen.

Vom SPD-Restpersonal sind auch keine Macht-Ambitionen zu befürchten. Diese Leute lassen sich mit ein paar Partei-Latifundien abspeisen – dafür sind sie Berufspolitiker geworden. Und mal ehrlich, welche der Konturlosigkeiten könnte ernsthaft Ansprüche anmelden, Herr Heil oder Herr Gabriel? Eben! Innerparteilich ist der Kampf wohl entschieden. Als Spitzenkandidat ist Herr Beck in der SPD irgendwie alternativlos. Ob man das mag oder eben nicht, es scheint ein realpolitisches Faktum zu sein.

Ein anderes realpolitisches Faktum ist Die Linke. Sie muss ins machtpolitische Kalkül einbezogen werden. Ohne Oskar und Gregor wird es 2009 keinen SPD-Kanzler geben. Das ist zwar die ultimativ narzisstische Kränkung für jeden Sozialdemokraten, aber Kurt ist uneitel genug, um die Kröten zu schlucken.

Dem Mann ist Ideologisches eh fremd. Also wird das Verhältnis zur Linken jetzt normalisiert. Per Subsidiarität wird die noch unappetitliche Koalitionsfrage zunächst in die Länderparlamente delegiert. Ob Frau Yps oder Herr Naumann dabei Schaden nehmen, ist und war völlig egal. Das Ziel heißt Kanzleramt.

Gleichgültig wie sich die Wählergunst am Wahltag 2009 verteilen wird, die Koalitionsfähigkeit mit der Linken ist bundespolitisch eine Conditio sine qua non für Kurt Becks Ambitionen.

Die strategische Antwort der Union ließ zwar nicht lange auf sich warten: Pofalla gibt grünes Licht – aber mal ehrlich, die Paarung Roth/Pofalle findet doch nur in der Schmuddelpresse Freunde oder entwickeln die Grünen jetzt suizidale Neigungen?

Im schönem Nebeneffekt der neuen Macht-Arithmetik verlieren die Liberalen endgültig ihre Bedeutung als potentielle Mehrheitsbeschaffer. Guido & Co. haben sich dazu durch ihre ideologische Verbohrtheit selbst isoliert. Das marktradikale Gequake ist einfach nicht mehr sexy – vor allem für die Verlierer des befreiten Wettbewerbs – und die werden halt täglich mehr. So viele schwule Apotheker gibt’s dann auch nicht.

Soviel zu den realpolitischen Aussichten einer strukturellen Mehrheit jenseits von FDP und Union. Derzeit ist halt pseudolinke Gemütlichkeit angesagt. Diese Attitüde, die vor allem den kleinbürgerlichen Gerechtigkeitsbedürfnissen Rechnung trägt, ist in Kurt Beck behaartes Fleisch geworden. Eine programmatische Erneuerung der SPD ist von ihm nicht zu erwarten. Das stört doch nur das sozialdemokratische Durchwursteln.

Wenn die Stimmung bis zu den Wahlen anhält, dazu noch ein paar Steuer-Skandälchen und schwächelnde Konjunkturaussichten, es könnte wirklich funktionieren. Kurt Becks läßt sich einfach mit der Strömung treiben. Wer weiß, an welchem Spreeufer der Mann 2009 angespült wird? Ich denke am Rechten …

Tja, so sieht der Kurt-Plan aus. Wenn er scheitert, bleibt er halt Ministerpräsident, der Kurt – ist ja auch nett.

[Bildnachweis: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Kurt_Beck.jpg; © Andreas Reiner; CC Attribution-Share Alike 2.0 Germany]

6 Gedanken zu „Bräsigkeit siegt: Kurt Beck auf dem Weg ins Kanzleramt?

  1. Alexander Otto Beitragsautor

    Bisher war mir auch nur Briegel der sprechende Busch aus der „Tolle-Sachen-Show“ und Professor Buchsbaum von den Ducktails bekannt. Vielleicht macht aber gerade das Becks hypnotische 🙂 Wirkung auf Leute aus, deren erstes Leseerlebnis mit 30 ein Harry Potter-Roman war.

    Wie auch immer: Mehr linke Realpolitik als den Kurt-Plan wirds auf absehbare Zeit in D-Land nicht geben – und selbst das ist mehr als ungewiss …

  2. Levi R. Goldstein

    Sprechende Hecke? Merkels Frisur? Westerwelles Pickel?
    Ich halte es da doch gerne mit Hagen Rether:
    Die Frisur ist es nicht.

    Ansonsten, lieber Otto:
    Ratlos bin ich auch. Alternativen sehe ich weder konkret noch grundsätzlich. Ich glaube nicht mehr an Wahlen. Immerhin werden sie mir von einem System erlaubt und ans Herz gelegt, das auf Selbsterhaltung angelegt ist.
    Das ist eben Darwinismus: Survival of the fittest. Und das Missverständnis können wohl auch nur deutschsprachler haben: „Fittest“ ist der Bestangepasste – nicht der Tüchtigste, Stärkste. Also das Mittelmaß. Und da gebe ich dir dann Recht: Kurt hat alle Chancen. Ich hoffe auf das Koma.

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