Delarvierte Depression als inverse Larmoyanz

Augen zu und dann?Insgesamt war es doch eine prima Woche für Menetekel, Kassandrinen und Kultur – nein Universalpessimisten. Trotzdem gab es dabei zuviele Ausreißer. Selbst die negativsten Erwartungen könnten einem so noch versaut werden. Ein schadbürgerlicher Wochenrückblick:

Moderne Standpunkte sind mobil genug, um stets die erhebende Perspektive der Verachtung zurückgewinnen zu können. Kommt eben darauf an, unter welchem Tellerrand man/frau sich derzeit gerade verschanzt hält.

A propos Verschanzungen: Diese solle die Bundswehr in Afghanistan nun endlich aufgeben, quengeln die Verbündeten nicht erst beim Plausch in Vilnius: „If you find yourself in a hole, stop diggin‘!“ –  besonders keine neuen Schützenlöcher! Attacke ist jetzt opportun Herr Jung.

Oh Scheiße, denkt sich da der Pazifist im Bürger, das kostet unser Geld, anderer Leute Leben und die moraline Sonderstellung noch dazu. Zwar ziert die konstitutionelle Demokratie sich etwas, aber wo nun Mrs. Rice schon mit der Beziehungssfrage droht, wie lange kann die Verweigerung da wohl währen – bis nach der Hamburgwahl?

Ganz verwegene Antiatlantiker schöpfen jetzt hingegen Hoffnung auf den heiß ersehnten NATO-Kollaps. Doch Obacht, das würde den Herrn Putin freuen, wäre also auch nicht recht. Wer reichlich Guido Knopps TV-Historien beschlafen musste, könnte da gleich weiter visionieren: Ein us-amerikanisch raketendefendiertes Polen, eingeklemmt zwischen der Achse Berlin-Moskau, dazu als Papst ein deutscher Ex-Panzerkardinal? OK Themenwechsel, sonst freuen sich die falschen Leute.

Für eine sichere Bank in Sachen schlechte Neuigkeiten hielt ich bis dato wenigstens die subprimekrisengeschüttelte Bankenbranche. Doch weit gefehlt, ausgerechnet Josie Ackermann verkündet den nächsten Rekordgewinn. Hat der D-Banker sein opulentes Salär am Ende gar verdient? Nicht auszudenken, so kann ich nicht arbeiten! Und arbeiten will demnächst Ex-Sturmgeschützkanonier Stefan Aust – als PR-Chef für Porsche. Das nenne ich berufliche Flexibilität, sehr vorbildlich Herr Aust.

Ein möglicher PR-Gau zeichnet sich dafür für die Atomlobby ab. Zumindest lassen die Präsidenten des Bundesamts für Strahlenschutz und des Umweltbundesamts boshaft verkünden, der Atomausstieg führe wohl doch nicht zur Versorgungslücke. (Keine Sorge, solche Meldungen hängt eh niemand an irgendeine läutbare Glocke.)

Immerhin gab es diese Woche auch einige ernsthafte Katastrophen. Zu einer echten Triple-Loose-Situation geriet etwa das Fußballänderspiel Deutschland/Österreich. Klar, sportferne Revanchisten mögen fragen: „Wieso, gegen wen haben wir denn gespielt?“ Die Sportnation aber, denn um eine solche handelt es sich bei uns DeutschInnen ja vorrangig, weiß wer da alles verloren hat, eben alle. Rein ergebnisorientiert verließen die hilflosen Ostmärker als Verlierer das Feld. Reputationsmäßig war das Spielchen für die DFB-Truppe ein Desaster und der dritte Verlierer war wie üblich der Zuschauer. Egal ob Schluchtenscheißer oder Piefke, der sportaffine Sprachraum deutscher Zunge erlitt eine kollektive Fremdschämattacke. Einzig Eidgenossen und Statistiker hatten womöglich einen klammheimlichen Daseinszugewinn.

Und schließlich ereilte mich das Schicksal dieser Tage sogar persönlich und das gleich zweifach: Ganze 5 Euro (In Worten: FÜNF!) wurden mir von einem Organ des Inneren für die unsachgemäße Überlaufung einer roten Fußgängerampel abgenötigt. Sicher, das ist eine pekuniäre Petitesse. Sie erwies sich aber als Vorbotin weitaus schrecklicherer Kunde. Folgenden Tages ereilte mich prompt meine aktuelle Rentenprognose – ebenfalls eine Petitesse, aber eine der befürchteten Bezüge. Seltsam nur, dass ausgerechnet meine Ampelignoranz, die schließlich meine Schadbürgerexistenz sozialverträglich beenden könnte, so überhart sanktioniert wird.

Irgendwie muss ich mir da langsam was einfallen lassen! „Tja“, meldet sich sogleich der charakterimmanente Defätist: „Hat ja bisher so gut geklappt – mit den nachhaltig guten Einfällen und so.“ Immerhin stimmt die Statistik optimistisch, denn sollte sich das Eintreffen guter Einfälle an der Gaußschen Normalverteilung orientieren, wäre jetzt langsam einer fällig. Ich warte also einfach entspannt weiter. Das ist wie Eisangeln ohne Loch und Köder.

Übrigens: Wo wir gerade beim Eisangeln waren, bleibt noch das Wetter zu erwähnen, denn das ist immer eine Klage wert. Zu warm? – Klimakatastrophe; zu kalt? – Heizkostenexplosion; die Sonne lacht? – aus Schadenfreude …
 

Ein Gedanke zu „Delarvierte Depression als inverse Larmoyanz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.