Nicht nur ein seltsames TV-Phänomen: Tibet vs. China

Bisher habe ich mich gedrückt, dazu zu bloggen – zu meinem Unbehagen an der Wahrnehmung des Problems. Gestern erschien dann die Buchautorin Maria Blumencron in der montäglichen Beckmann-Show und jetzt schreibe ich doch was. 

Die Maria, übrigens nicht mit dem SpOn-Online-Chef v. Blumencron verwandt, berichtete mit verklärtem Blick von tibetischen Kindern im Grundschulalter, die von ihren „liebenden“ Eltern über 5.000 Meter hohe Himalajapässe gescheucht werden, um das Weiterbestehen einer altertümlichen Religion zu sichern. Da frage ich mich doch irgendwie, was lieben diese Eltern wohl mehr, ihre Kinder oder ihre Religion?

Die ebenfalls in der Sendung anwesenden Herrn Vogel und Geißler hatten ähnliche Missempfindungen ob der geschilderten Vorgänge. Statt aber mal ganz ketzerisch zu fragen, was sich Eltern dabei denken, ihre Kinder derart tödlichen Gefahren auszusetzen, wurde die Frage zu „Wie schlimm muss es in Tibet sein, dass die das tun?“ gedreht.

Sicher die Frage drängt sich auf, bloß warum stellt sie niemand, wenn palästinensische Mütter über den Selbstmordtod ihrer Kinder jubeln? Wie schlimm muss es denn in Gaza zugehen, wenn dort Attentäter-Eltern so pervers fühlen können?

Ach so, dass ist ja was anderes. Wenn die Unterdrückten nämlich Moslems sind und die Unterdrücker eben Israelis und nicht etwa chinesische Nationalkommunisten, ja dann, dann ist das einfach höhere Gerechtigkeit.

In den Konsequenzen für die Opfer ganz ähnliche Terrorregime werden in den Medien sehr unterschiedlich wahrgenommen. So wälzen sich neuerdings tibetische Demonstranten mit ketschupverschmierten Mündern tv-gerecht vor olympischen Fackelträgern –  sehr dramatisch und sehr erfolglos.

Und mancherorts hissen ausgerechnet deutsche Rathäuser aus Solidarität tibetische Flaggen. Aus Solidarität mit den Krawallen in Lhasa vermutlich, weil das so schöne Pogrome gegen die han-chinesischen Zuwanderer waren? James Miles interview on Tibet // CNN 20.03.2008 [Oder besseren Falls Aktionen jugendlicher Randalierer wie in den brennenden Vorstädten von Paris.] Die Demonstranten von 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking sahen jedenfalls anders aus und waren friedlicher – half ihnen damals aber auch nichts.

Was könnte Tibetern und demokratiehungrigen Chinesen denn helfen? Realistisch betrachtet wird ihnen in absehbarer Zukunft nichts helfen können. Der tibetische Aufstand ist hoffnungslos!

Ganz im Gegenteil, er liefert den reaktionärsten Kreisen in der Pekinger Führung die Rechtfertigung zu noch härterer Repression. Dazu nehmen sogar regierungskritische Chinesen die Krawalle in Tibet eher als rassistisch-religiös motivierte Ausschreitungen gegen ihre Landsleute war.

Und das westliche Ausland? Wir sollten akzeptieren, dass China nur von innen reformierbar ist. Je mehr Stimmung wir machen, um so schwerer wird es für die Reformer im Reich der Mitte. Ich spreche bewusst von „Stimmung“. Echten Druck können wir nicht ausüben, denn der müsste ökonomischer Art sein und da stellt sich die Frage, für wen das dann drückender würde und wem es überhaupt helfen könnte? Eben!

Übrigens lässt sich über Chinas jüngere Entwicklung (50 Jahre) ziemlich viel Positives sagen. Noch nie zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte wurden so viele Menschen in so kurzer Zeit aus der Armut geführt (Hunger und Unbildung sind die archaischsten Formen der Unfreiheit). Klar, die Zustände sind immer noch weit vom Erträglichen entfernt, aber in historischen Zeiträumen betrachtet, ist dieses Projekt spektakulär erfolgreich. Die jetzigen Machthaber in Peking wollen die Demokratie so spät wie möglich einführen. Womöglich aus gutem Grund. Eine funktionierende Demokratie bedarf eines Minimums an Bildung und ökonomischer Unabhängigkeit. Der Planet ist ziemlich voll mit unqualifizierten und daher gescheiterten Demokratieversuchen. Bloß das Scheitern Chinas kann sich die Menschheit nicht leisten.

Schwelgt meinetwegen ein Bisschen in esoterikverklärter Tibet-Romantik, aber verschont die Chinesen mit arroganten Besserwissereien. Der Wandel in China wird garantiert noch Generation benötigen. Und in was sich bis dahin unsere Gesellschaft verwandelt hat, ist ja auch noch völlig offen. Europaverbesserung ist definitiv das sinnvollere Engagement. Ein paar Dalai Lama-Empfänge mehr zur moralinen Selbstvergewisserung und sogar ein Olympiaboykott sind in der Sache jedenfalls kontraproduktiv.

[Bildnachweis: eigene Montage]

9 Gedanken zu „Nicht nur ein seltsames TV-Phänomen: Tibet vs. China

  1. stefan

    Das ist ja das traurige, diese absolute Kritiklosigkeit an den Exiltibetern, führt dazu, dass diese die absurdesten Dinge behaupten können und diese widerspruchslos aufgenommen und weiterverbreitet werden.

    Ich bin mir sicher, der Dalai Lama bepinkelt sich nach jedem Auftritt, hinter der Bühne vor lachen.
    Kein Wunder, dass der die ganze Seite so grinst. 🙂

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