Pharmamarketing: Wir sind doch kein Caritasverein

Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen finanzieren sich auch aus Sponsorengeldern der Pharmaindustrie. Die selbstlosen Arzneimittelhersteller verlangen aber mehr als bloße Namensnennung. Die Manipulation reicht bis in die wissenschaftlichen Beiräte der Organisationen.

Unabhängige Informationen erhoffen sich die Patienten von den  Selbsthilfeorganisationen, die nun besonders im Internet schnell zu inden sind. Eine dort platzierte PR erreicht ihre Zielgruppe ohne Streuverluste und hat zudem den Anschein unabhängiger Information. ber ihre wissenschaftlichen Beiräte sind Organisationen wie die DMSG sogar maßgeblich an der Entwicklung von Behandlungsrichtlinien beteiligt.

 

Heute berichtet das deutsche Ärzteblatt über eine Studie des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen: [Einfluss der Pharmaindustrie auf die Selbsthilfe groß]

Prof. Dr. Gerd Glaeske und Dr. Kirsten Schubert untersuchten im Auftrag
der Selbsthilfe-Fördergemeinschaft der Ersatzkassen, den Einfluss der
Arzneimittelhersteller auf die selbstorganisierte Patienteninformation. Ihr
Bericht dokumentiert die Einflussnahme des pharmazeutisch-industriellen
Komplexes auf der Basis von Medien- und Dokumentenanalyse,
Interviews und teilnehmender Beobachtung an ausgewählten
Krankheitsbildern. (Alzheimer Demenz, Neurodermitis, Osteoporose,
Parkinsonsche Erkrankung, Psoriasis und Aufmerksamkeitsdefizit-
Syndrom/ADHS)
Die Analyse kommt zu erschreckenden Ergebnissen. Neben Produkt-
Placement und konventioneller Präsentation gelingt es den
„Werbetreibenden“ direkt über gesponserte/gekaufte Wissenschaftler
Einfluss auf Therapieempfehlungen zu nehmen. Solche
pharmageschmierte Wissenschaftler sind sogar in den medizinischen
Fachgesellschaften, wo sie Behandlungsleitlinien erstellen. Sie geben dort
Arzneimittelempfehlungen ab, die als „State of the Art“ gelten und
schließlich die Qualitätsstandards in der integrierten Versorgung
chronisch Kranker bestimmen. Ein direkterer Einfluss auf das
Versorgungsgeschehen ist kaum denkbar.
Ein Pharmamarketing-Experte äußerte sich im Interview mit den Bremer
Forschern freimütig dahingehend, dass „sie doch kein Caritasverein
seien; wenn die Wissenschaftler Gelder bezögen, müssten sie
auch entsprechende Inhalte vertreten“.
Link zum vollständigen Bericht von Prof. Dr. Gerd Glaeske und Dr. Kirsten
Schubert als PDF-Dokument: [Ein Werkstattbericht zur Entwicklung und
Förderung des internen Diskurses zwischen Krankenkassen und
Selbsthilfegruppen]
Ich finde die Vorstellung, dass angesehene Fachmediziner ihr angeblich
wissenschaftliches Urteil nicht im Sinne des Patientenwohls, sondern aus
wirtschaftlichen Interessen abgeben – freundlich ausgedrückt – kriminell.

 

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